Der fiese Fridolin – wer das ist, wie er unser Familienleben stört und warum ich die Schnauze voll von ihm habe

June 2, 2017

 

 

Es ist nur eine Phase. Ja, das sagt man sich als Kleinkindmama an Tagen eines Entwicklungsschubes wieder und wieder und wieder.

Man liest zur eigenen Beruhigung Bücher wie „Oje ich wachse“ und möchte dadurch einfach herausfinden was in dem kleinen Menschlein eigentlich vor sich geht. Man analysiert und tauscht sich mit anderen Mamas aus, aber im Endeffekt hat man keinen blassen Schimmer was da gerade tatsächlich los ist.

 

Als Mama versucht man in dieser Zeit bestmöglichst für das Kind da zu sein, es zu unterstützten, mit aller Liebe und Hingabe. Das Kind ist weinerlich und launisch, möchte nur bei Mama sein, alles wird gemeinsam gemacht, wenig Schlaf, manchmal kommt auch noch die ein oder andere Erkältung hinzu – alles Dinge, die eine Mama auf Dauer förmlich k.o. schlagen.

 

Alles wird getan, damit sich der kleine Krümel besser und in Sicherheit bei Mami fühlt.

 

Und das Tag und Nacht. 24/7.

 

Befindet man sich mehrere Wochen in diesem Ausnahmezustand, kann das für die ganze Familie richtig zur Belastungsprobe werden. Der Haussegen hängt schief und man wünscht sich einfach nur mehr, dass es bald vorbei ist und endlich wieder Ruhe einkehrt.

 

Der fiese Fridolin!

 

Ich gebe jeder längeren Phase eines Entwicklungsschubes unseres kleinen Kerlchens gerne einen Namen - wie bei Wirbelstürmen. Seit fünf Wochen fegt nun Fridolin wie ein Tornado durch unsere Familie. Schlafentzug, schlechte Laune, Nervenproben und Verzweiflung beherrschen unsere Tage.

 

Wirbelstürme kommen, wie Schübe, plötzlich aus dem Nichts. Man weiß nicht so genau wie lange man sie ertragen muss, sie wirbeln alles auf, verwüsten Häuser bzw. den Haussegen, sorgen für heftige Gewitter und Niederschläge und sind dann auf einmal wieder weg. Dann wirds wieder sonnig.

 

Derweil sind wir aber noch mittendrin.

 

 

 

Tag für Tag schreibe, predige, lese, recherchiere ich über Auszeiten und stelle fest, dass ich selbst gerade wenig davon habe (obwohl ich sie gerade bitter nötig habe). Mein Sprössling hat (neben dem Schub), auch noch mit drei Zähnen zu kämpfen, die sich durch sein Zahnfleisch bohren und ist zudem ständig erkältet. Jede Woche eine neue Überraschung.

 

Er ist gerade ein armer Wurm und deshalb auch ein richtiges Klammeräffchen. Ich komme mir allmählich vor wie ein lebendiger Klettverschluss, von dem ein Teil ich und der andere Teil mein Kindchen ist. Wir halten zusammen. Tag und Nacht.

 

An Auszeiten ist gerade null zu denken. Ohne mich geht gerade gar nichts. Außer der 500 km weit entfernten Oma darf keiner ran, nicht mal der Papa.

 

Das Verhalten des Kleinen gleicht gerade dem eines Neugeborenen, nichts lieber tun als bei Mama sein. Nun gut, er braucht es so – er kriegt es so.

 

Fridolin sorgt für extreme Anhänglichkeit

 

Gemeinsam schlafen – zuerst eine Stunde lang in den Schlaf wiegen, dann gaaanz vorsichtig ins Bett hinein legen, die Hände gaaanz langsam wegziehen und dann auf Zehenspitzen zur Türe balancieren, Türgriff in der Hand, juhu - fast geschafft…und dann:

 

Maaaaaaamaaa! Klägliches weinen.

 

Also gut nochmal ans Bett setzen, ein Schlafliedchen trällern, mit der einen Hand sein Händchen halten, mit der anderen Hand sein Popöchen tätscheln. Da die Angst aber einfach zu groß ist, dass Mama rausgehen könnte, werden die Augen nun einfach nicht mehr zugemacht, auch wenn sie schon so schwer sind.

 

Als Mama bin ich am Abend einfach nur mehr müde, sehne mich nach der Couch und etwas Ruhe für mich. Stattdessen sitze ich stundenlang an seinem Bettchen, nichts hilft, außer meiner Anwesenheit. Also nehme ich ihn mit in unser Bett. Dort liegen wir aufeinander, er dreht und wälzt sich auf mir, ich versuche mich dabei nicht zu bewegen, stelle mich schlafend.

 

Ungemütlicher geht’s gar nicht.

 

Ich müsste mindestens eine Flasche Wein getrunken haben, damit ich in der Position tatsächlich schlafen könnte. Irgendwann, nach gefühlten 100 Stunden, schläft er endlich ein. Zur Sicherheit, damit ich ja nicht weggehe, legt er sich mit seinem Gesicht in meines. Na dann gute Nacht.

 

Wir brauchen nicht erwähnen, dass Papa die ganze Nacht fast das ganze Bett für sich hat und ruhig, friedlich schläft, oder?

 

Gemeinsam duschen – morgens aufstehen und einfach mal gemütlich duschen. Das kann ich mir genauso in die Haare schmieren, wie das Shampoo, das ich einhändig auftrage, weil die andere Hand bzw. Arm von meinem Sohn besetzt wird. Dieser steigt nämlich, sobald ich das Wasser anmache, samt Pyjama zu Mama in die Dusche.  Keine Kompromisse, ich dusche mit -  lautet seine Devise.

 

Gemeinsam Pipi machen -  Das letzte Mal war ich 5 Jahre alt, als ich mit jemand, nämlich mit meiner gleichaltrigen Cousine, gemeinsam auf der Schüssel saß. Kinder wecken Erinnerungen. Nicht unbedingt freiwillig bin ich heute in dieser Situation. Ich schleiche mich während er spielt schnell ins WC, er bemerkt meine Abwesenheit aber sofort, kommt rein zur Türe und versucht auf mich rauf zu klettern. Wimmle ich ihn ab oder stelle ihn wieder auf denBoden, versucht er halt die Herrschaft über die Klobürste zu erlangen. Sogar am Klo muss man als Mutter multitaskinfähig sein.

 

Gemeinsam spielen – also länger als ein paar wenige Minuten hat mein 1,5 Jähriger ohnehin noch nie alleine gespielt, aber zumindest reicht es im Normalfall, dass ich in seiner Nähe bin. In den 5 Minuten kann ich also auch gut mal was anderes machen. Im Moment wird aber volle Aufmerksamkeit von mir abverlangt. Ich muss beim Turm bauen aktiv mithelfen. Ich muss die Geräusche des Traktors nachahmen, wenn er über den Wohnzimmerboden fegt und auch die Eisenbahn lässt sich nur vierhändig zusammenbauen. Wenn ich fürs Spielen bezahlt werden würde, hätte ich mir die letzten Wochen ein gutes Urlaubsgeld verdient.

 

Gemeinsam essen – gegen das wäre ja eigentlich überhaupt nichts einzuwenden, aber bitte jeder für sich in/auf seinem Stuhl. Aber auch hier ist die Distanz zwischen Trip Trap und meinem Stuhl zu groß für ihn. Am liebsten wird direkt auf meinem Schoß gesessen, ansonsten herrscht Essensvergweigerung und Brüllalarm. Er wirft dann hochdramatisch den Kopf zurück und heult, schmeißt alles in seiner Reichweite um sich, dreht durch, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass ich ihn für ein Jahr verlassen muss.

 

 

Fridolin sorgt für schlechte Stimmung

 

In solchen Phasen schätzt man wieder die kleinen Momente, in dem das Kind was zu lachen hat. Die sind nämlich gerade selten. Seinem Gesichtsausdruck nach macht er gerade einiges durch. Armer Junge. Der Wirbelsturm macht ihm zu schaffen. Fridolin, gib mir bitte endlich wieder mein fröhliches Kind zurück und mach dich aus dem Staub. Ich habe genug von dir!

 

Natürlich versuche ich auf seine Bedürfnisse und Launen einzugehen, aber auch hier ist irgendwann mal Schluss. Irgendwann stoße ich einfach an meine Grenzen. Permanente Müdigkeit und Stress überwiegen, Gelassenheit und gute Nerven sind Mangelware.

 

Fridolin macht Ärger in der Liebe

 

Als Paar halten wir immer zusammen. Wir haben diesen wirklich guten Draht zueinander und finden gemeinsam immer eine gute Lösung für ein Problem.

 

Das klappt unter normalen Bedingungen. Wenn wir aber unter Fridolin und Schlafmangel leiden, dann leidet auch unsere Partnerschaft ordentlich. Wir meckern aneinander herum, Vorwürfe fliegen durch die Luft, die Stimmung ist im Keller.

 

Das nervigste während dieser Phasen für mich ist, wenn mein Partner das Einfühlungsvermögen einer Ameise an den Tag legt. Ok ich bin dann auch einfach sensibler, empfindlicher und es ist dann sicher nicht leicht Kirschen essen mit mir, aber ich möchte einfach nicht immer daran erinnert werden, dass meine Laune schlecht ist oder mit anderen negativ Eigenschaften diagnostiziert werden. Ich erinnere ja auch nicht ständig, dass ICH für 98% der Krisenintervention im Moment zuständig bin.

 

Auch für die Beauftragung von Suchaktionen seines Krempels habe ich dann einfach keinen Nerv. Warum finden Männer ihr Zeug nie? Er sucht einfach jeden Tag seine Geldbörse. Ratschläge und Tipps zwecklos. „Weißt du wo dies und das ist…? Ich brauche das jetzt sofort, damit ich endlich losfahren kann!“ Wenn ich mich nicht gleich auf alle vier schmeiße und jeden Zentimeter der Wohnung absuche, heißt es, dass ich ihm NIIIEE helfe, wenn er was braucht. Wie ein Teenager! Müde und gereizt wie ich bin, stehe ich da kurz vor der Eskalation.

 

Da würde ICH mich (wie sonst mein Sohn) mal am liebsten auf den Boden schmeißen, mir die Haare raufen und toben. Ganz lang, ganz laut, ganz dramatisch.

 

Dann wünsche ich mir einfach Einsamkeit, ganz viel Einsamkeit. Keiner der mich braucht oder was von mir will. Müde, ausgelaugt, verzweifelt, bekomme ich einen Kloß im Hals, die Tränen schießen mir in die Augen. Da sitz ich dann heulend am Klo, mit dem kleinen Kerlchen auf mir drauf. Das Kerlchen kennt sich nicht aus, was mit Mama auf einmal los ist und der Papa kann sich aus meinem plötzlichen Schluchzen auf seine wiederholte „Wo ist mein Schlüssel“ -Frage hin wirklich keinen Reim machen was er falsch gemacht haben soll.

 

Irgendwann ist in meinem Körbchen an guten Gaben einfach alles aufgebraucht. Die Nerven, die Energie, die Kraft, die gute Laune.

 

Fridolin weckt enorme Auszeit Sehnsüchte

 

Die Sehnsucht nach 2 Stunden Auszeit ist so, so groß! Aber kein Ende in Sicht. Der Haussegen hängt schief. Alle Familienmitglieder unzufrieden.  

 

Was nun?

 

Ich brauche jetzt einfach Auszeit vom Alltag und von dieser angespannten Situation, in der wir gerade stecken, denke ich mir. Wenn schon nicht alleine, dann halt zu zweit. Raus aus dem Eigenheim, einfach ein paar Tage auf und davon. Das tut bestimmt allen gut.

 

Es ist Freud und Leid zugleich, dass meine Familie am anderen Ende des Landes wohnt. Sie fehlen uns zwar oft und ich habe nur wenig Unterstützung, aber dafür habe ich einen wunderbaren Zufluchtsort, wenn mal eine Alltagspause nötig ist.

 

Papa muss zuhause bleiben, aber der Abstand wird uns als Paar sicher gut tun. Wir nehmen also 500km Zugfahrt auf uns und düsen zur Oma nach Vorarlberg. Drei Tage Hotel Mama - das kann was!

 

Bei meinen Eltern werden wir so richtig verwöhnt. Das ist der Seltenheitsbonus, den wir genießen. Sie nimmt mir morgens den Kleinen ab, damit ich mal wieder ausschlafen kann, mir wird gleich eine Tasse Kaffee gereicht, wenn ich aufstehe und leckere Sachen werden uns gekocht. Wir machen schöne Ausflüge und der Kleine löst sogar mal seinen Klettverschluss, um auf Omas Arm zu verweilen. Gott Lob und Dank!

 

Nicht nur mir, sondern auch dem Kleinen tut die Abwechslung von zuhause gut. Kinder merken natürlich, wenn dicke Luft herrscht. Das macht sie noch unrunder als sie eh schon sind.

 

 

Am Ende dieser drei Tage fühle ich mich besser. Noch nicht so gut, dass ich Bäume ausreißen könnte, aber besser. Ich bin wieder optimistisch, mein Humor ist vom Keller zurück ins Erdgeschoss gekrochen und ich verfüge wieder über etwas mehr Energie – ich bin wieder auf Kurs.

 

Oma wurde liebevoll als „Zweitarm“ vom kleinen Kerlchen ausgewählt und somit ich konnte ich mal wieder aufatmen, entspannen und etwas Einsamkeit abseits von meinen beiden Männern genießen.

 

Nun freue ich mich wieder auf zuhause und meinen Liebsten, der uns jetzt auch schon wieder richtig vermisst. Erholte Auswanderer treffen auf sehnsüchtigen Papa – das Familienidyll ist wiederhergestellt!

 

Mal sehen wie lange. Das hängt vom Wirbelsturm ab. Fridolin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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