Auf der Suche nach dem Mutterglück - Was der Muttermythos unbewusst mit uns macht und wie er uns daran hindert Mutterschaft so zu leben wie wir wollen

May 21, 2017

 

 

Sind wir uns ehrlich: Es ist ein Tabu darüber zu sprechen, dass Mutterschaft nicht nur immer das pure Glück auf Erden ist. Ja klar, man darf wohl mal jammern, aber darf man als Mami auch zum Ausdruck bringen, dass man sich in der Rolle nicht wohl bzw. noch nicht angekommen fühlt? Wohl eher nicht.

 

Ein Kind zu bekommen setzt voraus, dass man himmlisch glücklich ist. Endlich hat das Leben als Frau einen Sinn bekommen!. In unserer Gesellschaft gibt es diesen Muttemythos. Das Bild davon, wie eine Mutter zu sein hat und die Selbstverständlichkeit, dass Mutterschaft zum Leben einer „normalen“ Frau dazugehört, mit all ihren zugeschriebenen Eigenschaften (Mutterglück, Liebe, Fürsorge, Aufopferung,...) Mutterschaft ist wie eine Norm und wird daher nicht näher hinterfragt oder gar abgelehnt.

 

Aus diesem Grund wird es für Mütter unmöglich, sich mit den eigenen Gefühlen zur Mutterschaft näher auseinander zu setzten oder sich gar einzugestehen dass man sich in der Rolle nicht wohl fühlt.

 

Mutterschaft verläuft, wie jede andere Rolle, nicht immer geradlinig. Sie ist vielschichtig, facettenreich und manchmal eben auch ambivalent. Man kann die liebevollste, stolzeste Mama sein und dennoch Momente der Frustration und Sehnsucht nach Einsamkeit und Selbstbestimmtheit haben.

 

Die Mutterrolle ist heute immer schwieriger zu erfüllen geworden. Perfektionismus, Fürsorgewahn & Co. tragen einen großen Beitrag dazu bei.

 

Auch ich musste anfangs feststellen, dass ich mir nicht sicher war was meine Gefühle betreffend der Mutterrolle waren. Einerseits war ich mächtig stolz und dankbar für dieses kleine Geschöpf in meinen Händen, andererseits war ich aber auch maßlos überfordert damit, verfolgt von einer ständigen Müdigkeit, geplagt von Selbstzweifeln, ob ich es überhaupt richtig machen würde. Manchmal sogar die schiere Panik davor, wie ich bloß dieses kleine Kerlchen großziehen soll, wenn ich es nicht mal schaffe eine Zimmerpflanze länger als einen Monat am Leben zu erhalten.

 

Ich war mir aber auch bewusst, dass ich mich mit diesen Gefühlen niemandem anvertrauen konnte. Das Letze was ich wollte, war undankbar zu sein oder den Eindruck zu vermitteln, dass ich ihn nicht lieben würde. Das würde mir das Herz brechen, wenn mich jemand damit kritisieren oder konfrontieren würde. Das war es nämlich nicht. Es lag ganz und gar nicht an der Liebe zu ihm, die war zweifelsfrei da. Es waren wohl eher die falschen Erwartungen und der Druck etwas in einer Art erfüllen zu müssen, die mir nicht gefiel.

 

Ich weiß noch, dass ich mir gewünscht hatte, ein weibliches Mama Vorbild zu haben, nach der ich mich orientieren könnte. Aber wie sollte das gehen, wenn es keine Frau gab, mit der ich darüber sprechen konnte, ich also auch nicht wusste, wer ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie ich.

 

Mein Bild von einer Mutter war dieses voll und ganz aufopfernde Wesen, das ohne mit den Wimpern zu zucken, all ihre Wünsche und Bedürfnisse über Bord schmeißt und sich der Familie unterwirft. Ich hatte versucht genau so zu sein. Vielleicht würde es sich dann richtig anfühlen, wenn ich es ganz fest versuchen würde so zu sein, wie man als Mama doch sein und emfpinden sollte…

 

Damit wurde ich immer unglücklicher.

 

Irgendwann stolperte ich zufällig über ein Buch und las darin die Worte, die ich für mich gebraucht hatte um es zu verstehen, mich zu verstehen und um meinen Gefühlen Platz zu geben. Die Autorin schrieb, dass es heute eine Diskrepanz zwischen der Erziehung der jungen Mädchen und den Erfordernissen der aktuellen Mutterrolle gibt. Früher wurden Mädchen ganz anders erzogen, als heute. Es galten andere Werte, die man den Mädchen beibrachte. Eigenschaften wie Selbstlosigkeit, Aufopferungsbereitschaft und Unterordnung waren damals im Fokus der Erziehung weiblicher Kinder und verlieren in der heutigen Erziehung immer mehr an Bedeutung.

Heute dürfen junge Frauen zu selbstbewussten, eigenständigen Personen heranwachsen. Werden diese Frauen dann irgendwann Mütter, werden von ihnen nach wie vor diese „alten Werte“ (Selbstlosigkeit, Aufopferung) erwartet. Die moderne, unabhängige Frau von heute wird mit dem bereits verstaubten Rollenklischee konfrontiert, sobald sie Mutter wird. Da wird klar, dass diese Umstellung eine enorme Herausforderung für so manch eine Frau darstellt, wie auch für mich. Nach dem Motto: „Zuerst lernt man ihnen das Fliegen und dann werden sie ihnen gestutzt“.

 

Diese Zeilen waren für mich so essentiell, ich begriff plötzlich warum es mir so schwer fiel, mich in die Mama Rolle einzufinden. Meine eigene Mama war immer sehr darauf bedacht, aus mir einen anständigen, selbstreflektierenden und vor allem selbstbewussten und unabhängigen Menschen zu machen. Gelungen.

 

Nun gut, ich musste also einen Weg für mich finden, wie ich einerseits die neue Rolle gut annehmen und andererseits mein ICH nicht unterdrücken muss. Mit dieser neuen Erkenntnis, die ja plausibel und weniger verwerflich war, traute ich mich auch mit anderen Mamas darüber zu reden. Ich war überrascht wie vielen es gleich ging wie mir.

 

Mir fiel ein riesen Stein vom Herzen. Ich schämte mich nicht mehr dafür, hörte auf es krampfhaft so machen zu wollen, wie es von mir erwartet wird. Schluss mit Glucke, die dachte man müsse rund um die Uhr ausschließlich für das Kind da sein. Schluss mit Helikoptermama, die peinlichst genau beobachtete, dass der kleine Sprössling permanent bespaßt und für sein Alter gerecht gefördert wird.

 

Es mussten 10 Monate vergehen, bis ich an meinem persönlichen Mama Weg angekommen war. Ich lernte zu akzeptieren, dass es normal ist auch als Mama Grenzen zu haben und diese auch zu respektieren. Ich lernte mich nur auf die Liebe zu ihm zu konzentrieren und weniger darauf es ständig richtig machen zu wollen. Ich verabschiedete mich liebevoll von meinem alten Leben als Nicht-Mama und nahm meine neue Rolle mit all ihren Facetten dankbar an. Ich konnte nun endlich das Mama-Glück genießen.

 

Mit dieser neuen Gelassenheit und der Authentizität die ich als Mama an den Tag legte, wurde auch mein Kind entspannter. Kinder sind feinfühlig. Sie spüren genau, wenn es den Mamas gut geht.

 

Die Reise als Mama ist wohl die intensivste und emotionalste Reise, die wir als Frau erleben dürfen. Es ist wahrlich ein riesen Glück. Wenn wir von der Gesellschaft nur nicht ständig schablonisiert werden würden, wäre es wohl für alle ein Segen.

 

Individualität statt Maßstab! Jedes Kind ist anders, darf individuell sein, aber wir Mamas nicht?! Warum denn bitte nicht?

 

Aus der Generation unserer eigenen Mütter gibt es genug Frauen, die sich ihr Leben lang für ihre eigenen Kinder so dermaßen aufgeopfert haben, dass sie später keine Lust mehr haben sich ihren Enkelkindern zu widmen. Sie haben so lange Zeit ihre eigenen Werte und Bedürfnisse unterdrückt, soweit, dass sie nicht mal mehr selbst wussten wer sie überhaupt sind. Sie haben erst viel später, als die Kinder erwachsen waren, wieder gelernt auf sich zu hören und haben dann aber auch keine Muse mehr sich für irgendein Kind der Welt, auch wenn es das Enkelkind ist, unterzuordnen oderwieder fremdbestimmt zu sein.

 

Auch Mamas, die 100% selbstlos und aufopferungsbereit handeln, haben dennoch (oder gerde deshalb!!) Kinder, die das nicht wertschätzen oder der Mutter vorhalten, alles falsch gemacht zu haben. So ist es nun mal. Wir Mütter sind nicht dazu da, den Kindern beste Freunde zu sein oder sie permanent mit Glücksgefühlen zu umhüllen. Davon haben wir nichts und sie erst recht nicht. So ist das Leben nun mal. Was ein Kind meiner Meinung nach braucht, sind Eltern die es lieben und die es gut mit ihnen meinen, ja. Aber auch Eltern, die einen Zugang zu allen Gefühlen zulassen, dazu gehören nun mal auch Frustration, Unsicherheit und Angst. Eltern die ihre eigenen Grenzen kennen und vor allem echt sind, sich nicht verstellen und ihre Werte, die sie zu dem machen was sie sind, nicht komplett aufgeben müssen. Zu solchen Eltern kann man doch aufschauen!

 

Im Endeffekt schäme ich mich nicht dafür, dass ich so empfunden habe. Ich bin sogar froh darüber. Diese Gefühle haben die Beziehung zwischen mir und meinem Sohn einzigartig gemacht. So wie es gut für uns ist. Ich kann meinem Sohn nur die Mutter sein, die ich eben bin. Dafür aber mit voller Aufrichtigkeit. Ich vertraue meinen Gefühlen und weiß, egal was kommt, ich werde es meistern. Für uns. Für ihn.

 

Flaschenpost an alle Mamas: Jede Frau ist anders, jedes Kind auch. Wir dürfen uns trauen so zu sein, wie wir eben sind und wie es für uns und unsere Kinder das Richtige ist. Hören wir auf, im Strudel der Erwartungen und dem auferlegten Druck der Gesellschaft mitschwimmen zu wollen. Kraulen wir lieber los an neue Ufer und werden dadurch neue Vorbilder.

 

 

 

 

 

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