Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist die beste Mama im ganzen Land?

April 9, 2017

 

 

Das höchste Gut einer jeden Mutter ist es, gesunde und glückliche Kinder zu haben - und dafür tut man so einiges. Jede Mama möchte ihrer Rolle gerecht werden und einfach alles richtig machen. Zudem sind wir Frauen heute hohen Erwartungen der Geellschaft in Bezug auf was wir alles leisten sollen ausgesetzt und setzen uns darüber hinaus auch sehr hohe Ansprüche an uns selbst: Für unser KInder wollen wir für die beste Förderung in allen Bereichen, für die besten Produkte und Lebensmittel sowie für die bestmögliche Erziehung sorgen. Im Haushalt wollen wir alles im Griff haben. Cool, sportlich, schön und stylish sollen oder wollen wir auch sein. Gute Partnerinnen. Verlässliche Freundinnen. Und obendrein noch erwerbstätig. Ganz schön viel Arbeit eigentlich und als wäre das noch nicht genug, müssen wir uns auch noch ständig rechtfertigen für unser Handeln. Dabei sind die heftigsten Kritiker der Mütter -traurig aber wahr - andere Mütter. Es herrschen oft regelrechte Kämpfe die Mütter untereinander austragen um ihre Werte, Meinungen und Rechte zu verteidigen. Die Rund um die Uhr Mütter gegen die berufstätigen Mütter, die Stillkindmütter gegen die Flaschenkindmütter, die Teilzeit- gegen die Vollzeitmütter, die Mehrfachkind-gegen die Einzelkindmütter, die Bio-gegen die Discountermütter, die Waldkindergarten- gegen die Stadtkindergartenmütter usw. Die Soziologin und Autorin Christina Mundlos sieht den Grund für diese Konflikte im schlechten Gewissen der Frauen: „Mütter leben in der Angst, keine gute Mutter zu sein, in der Erziehung der lieben Kleinen etwas falsch zu machen oder gar für eine „Rabenmutter„ gehalten zu werden. Sobald eine Frau Mutter wird, scheint die ganze Welt ein Anrecht darauf zu haben, sie zu kritisieren und zu bevormunden.“, sagt sie. Mit genau diesem Thema hat sie sich auch in ihrem Buch Mütterterror (2013) auseinandergesetzt und die unterschiedlichen Hintergründe dieses Konflikts beleuchtet.

Das wollte ich gerne etwas genauer wissen und durfte sie dazu interviewen:

 

Wieso bekriegen sich Mütter? Was sind die Ursachen?

Mütter erhalten in unserer Gesellschaft kaum Anerkennung weder die Frauen, die längere Zeit zuhause bleiben noch die Mütter, die Beruf und Familie vereinbaren. Die Ansprüche an Mütter sind zudem in den letzten Jahren enorm gestiegen. Was aber passiert, wenn Menschen sich viel zu hohen Ansprüchen ausgesetzt sehen? Sie erleben sich selbst ständig als scheiternd. Sie bekommen also keine Anerkennung und haben den Eindruck nie genug zu sein. Das muss zu einem schlechten Selbstwertgefühl führen. Und Menschen, die Minderwertigkeitsgefühle haben, greifen häufig zu einer psychischen Abwehrstrategie: sie machen andere schlecht, um sich selbst zumindest kurzfristig aufzuwerten. Letztlich sind viele Mütter mit der Mutterrolle und den gesellschaftlichen Ansprüchen an sie unglücklich und das entlädt sich dann indem sie andere Mütter kritisieren.

 

Wie wirkt sich der Mütterterror aus? Welche Formen kann dieser annehmen?

Wenn man das eigene Unglück dahingehend kanalisiert, dass man auf anderen Müttern herumhackt, führt das leider zu einem Teufelskreis. Man fühlt sich zwar kurzfristig besser, aber muss dafür auch wiederum Gegenangriffe anderer Mütter ertragen. Das ist ein Kampf, der nicht gewonnen werden kann und am Ende alle Mütter schwächt. Gerade weil die (verständliche) Wut und Aggression sich nicht gegen die wahren Auslöser und Ursachen richtet sondern nur gegen andere Mitleidende.

 

Worin siehst du die Gründe für Missgunst und Neid oder auch der Besserwisserei (gegen Mütter die sich auch selbst wichtig nehmen, Platz für ihre Bedürfnisse einräumen)?

Die Frage ist doch, weshalb viele Mütter nicht erkennen, dass sie mit ihrer Rolle eigentlich zutiefst unglücklich sind und gerade deshalb dazu neigen, sich ungefragt permanent als Expertinnen und Supermütter aufzuspielen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Möglichkeiten Beruf und Familie zu vereinbaren bis vor wenigen Jahren nahezu nicht existent waren. Und auch heute gibt es noch handfeste Benachteiligungen von Frauen und Müttern, wie beispielsweise dass sie für dieselbe Arbeit wie Männer weniger Lohn erhalten, dass man ihnen trotz Top-Noten in technischen Fächern und in Führungspositionen weniger zutraut, die gläserne Decke und Diskriminierungen am Arbeitsplatz aufgrund der Mutterschaft (oder aufgrund der Tatsache, dass eine kinderlose Frau im gebärfähigen Alter ist) – um nur einige zu nennen.

Bei gesellschaftlichen Revolutionen wie der Frauenbewegung kann man häufig feststellen, dass auch nachdem einige erste Rechte erstritten wurden, sich in den Köpfen der Menschen der Kulturwandel nicht so schnell einstellt wie gewünscht. Das liegt an unserem kulturellen Gedächtnis und der Sozialisation. Wir wurden doch alle noch von Eltern erzogen, die von der klassischen Rollenverteilung geprägt waren – oder die zumindest selbst noch in ganz traditionellen Verhältnissen aufwuchsen wo der Mann das Sagen und die Frau die Rund-um-die-Uhr-Rufbereitschaft für Haushalt und Kinder hatte und von ihm finanziell abhängig war. Diese Geschichte lässt sich nicht so einfach abstreifen. Und so versuchen viele Frauen im Privaten, die mühsam erkämpften Rechte und Möglichkeiten, wie beispielsweise als Mutter auch erwerbstätig sein zu können, zu rechtfertigen, weil sie sie eigentlich als Gnade oder Geschenk empfinden, das ihnen zumindest bislang nicht wirklich zugestanden hat. Eine Mutter, die wieder arbeiten geht, wenn das Kind ein Jahr alt ist, hat unterbewusst oft das Bedürfnis, allen zu zeigen, dass es dem Kind deshalb aber an nichts fehlen wird. Sie meint man würde ihr die Berufstätigkeit nur zugestehen und akzeptieren, wenn sie eben alles was früher von „Nur-Hausfrauen“ erledigt wurde auch weiterhin nebenbei schafft. Das ist eine absolute Überforderung. Und kein Mann käme jemals auf die Idee, seine Partnerin, die Familie oder die Gesellschaft dafür besänftigen zu müssen, das er ja nun SCHON nach einem Jahr wieder arbeiten geht, indem er zuhause bis in die Nacht Marmelade einkocht und Elsa-Torten dekoriert.

 

Es ist nicht schön, wenn man sich für seine Bedürfnisse rechtfertigen muss und kritisiert wird für den Weg den man geht, für die Art und Weise wie man etwas macht. Wie kann man damit umgehen? Welche „Überlebensstrategie“ gibt es da?

Es gibt nur einen Ausweg: die wahren Ursachen für das eigene Unglück zu erkennen. Und dann muss man zu einer selbstbewussten Haltung kommen und entscheiden: ich lasse mich nicht mehr von den vielen Ansprüchen zerreiben. Diese Ansprüche an mich sind zu hoch. Ich weise einen Teil davon jetzt zurück. Es hilft, sich mit Frauen zu umgeben, die bereits auf diesem Weg sind und sich darüber auszutauschen, was man eigentlich selbst wirklich leisten kann und will und was andere alles von einem erwarten. Doch die Veränderung kann nicht nur von den Müttern allein ausgehen. Es ist zu viel erwartet, wenn man glaubt, sie könnten plötzlich aus dem Nichts ein Selbstbewusstsein schöpfen, mit dem sie neue Grenzen setzen, gegen den Strom schwimmen und damit zurecht kommen, dass man ihnen statt mit Anerkennung mit Verachtung begegnet. Die gesamte Gesellschaft muss hier umdenken: sie sollte weniger Ansprüche an Mütter stellen, sie nicht mehr als Heilige ansehen, die alles schaffen können und müssen, sondern als normale Menschen, die auch eigene Bedürfnisse haben und auch mal Entspannung und Ruhe brauchen. Und die Väter müssen sich einbringen und ihren Teil der Verantwortung tragen. Außerdem brauchen wir eine frauen- und familienfreundliche Politik und Arbeitsbedingungen. 

 

Danke für das spannende Interview, Christina!

Wer sich noch etwas mehr in die Materie vertiefen möchte, kann weiteres in ihrem Buch nachlesen. Ihre Bücher sind überhaupt sehr empfehlenswert, da sie sich mit dem Thema Mutterschaft in allen möglichen Bereichen auseinandersetzt und die Dinge immer sehr präzise auf den Punkt bringt (z.B. Regretting Motherhood, Mütter unerwünscht, usw.)

 

 

 

 

 

 

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