Interview mit Tanja Bräutigam: 5 Wochen Rabenmutter


Mama-Burnout. In der Erschöpfungsfalle befinden sich meist Mütter,die unter permanentem Druck stehen, deren Anforderungen zu groß sind und die zu wenig Erholungphasen zum Ausgleich haben. Irgendwann geht einfach nichts mehr.

Jeder Mama geht irgendwann mal die Luft aus. Müdigkeit und Erschöpfung können einen schon mal in die Knie zwingen, vor allem dann, wenn man den Familienalltag inklusive Haushalt und Beruf/Ausbildung größtenteils alleine bewältigen muss. Zudem tendieren wir Frauen dazu, dass wir alles perfekt machen wollen und uns nur wenig Zeit für uns selbst nehmen. Mentale und körperliche Beschwerden können die Folge von fehlenden Erholungsphasen und einer ständigen Belastung und Stress sein. Immer mehr Frauen leiden unter dem Mama-Burnout, ein Zustand in dem einfach gar nichts mehr geht. Dies entsteht meistens dann, wenn ständige Anspannungen vorhanden sind und diese nicht mit regelmäßigen Entspannungen kompensiert werden. So war es auch bei Tanja Bräutigam. Sie hatte immer große Ansprüche an sich selbst als Mutter und wollte ihrer Verantwortung stets gerecht werden. Die meiste Zeit war sie ganz alleine mit den beiden Kindern und musste alle Alltagshürden selbst überwinden. Nach fünf Jahren, in denen sie kaum eine Nacht mehr durchgeschlafen hatte, also an permanentem Schlafmangel litt und der Druck sowie die Überforderung immer größer wurden, brach sie zusammen. Nach der Diagnose Erschöpfungssyndrom musste sie für 5 Wochen weg von ihrer Familie um eine Kur aufzusuchen. Dort tankte sie wieder Kraft und lernte wieder mehr auf sich selbst und ihre Grenzen zu achten. Ein paar Jahre später verfasst sie ein Buch über ihre damalige Krise und erzählt mit großer Offenheit ihren Weg ins Burnout und wie sie sich davon erholt hat. In dem Buch „5 Wochen Rabenmutter - wie ich nach dem Burnout wieder Kraft für mich und meine Familie fand“, habe ich mich in vielen Zeilen selbst wiedergefunden und war begeistert von ihrer Ehrlichkeit und den Mut ihre Schwächen zu zeigen (in einer Gesellschaft die Schwächen und Fehler kaum akzeptiert).

Ich freue mich, dass ich ein Interview mit ihr führen durfte und ihr die Fragen stellen konnte, die mir auf dem Herzen lagen:

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sie schon früher immer wieder für Auszeiten für sich hätten sorgen sollen.Glauben Sie, dass ihr Zusammenbruch damals hätte vermieden werden können? Was würden Sie anders machen (bezüglich persönlicher Auszeiten), wenn Sie die Zeit nochmal zurückdrehen könnten?

Tanja B.: Da die Schlaflosigkeit mich in der Anfangsphase mit meinen Kindern am meisten zermürbt hat, würde ich mit dem Wissen von heute auf jeden Fall mittags, wenn die Kinder schlafen, ebenfalls ausruhen oder im Idealfall auch schlafen. Damals wollte ich alles gut hinkriegen und habe dann in dieser Zeit angefangen, aufzuräumen oder Sachen zu erledigen, die mit einem schlafenden Kind besser zu schaffen sind. Und ich würde heute meine persönlichen Auszeiten gegenüber meinem Mann mehr einfordern und mich von dem Gedanken „ich bin erschöpft, ich kann nicht mehr“ nicht mehr dazu verleiten lassen, mit den Dingen aufzuhören, die ich bis dato immer gerne gemacht habe.

Ihre Therapeutin im Buch schrieb etwas, das mir sehr gefallen hat: „Jede Mutter hätte eigentlich eine längere Auszeit nach den ersten Jahren der Erziehung der Kleinkinder notwendig und verdient. Was für eine schöne Vorstellung, wenn jede Mama präventiv von der Krankenkasse in den ersten Jahren der Kinder eine Kur genehmigt bekommen würde“. Hätte es ihnen geholfen, wenn sie dies schon früher beanspruchen hätten können?

Ich denke schon, da in den Kurhäusern ja Profis sind, die einem Tipps und Wege

aufzeigen können aus dem Hamsterrad auszusteigen. Ebenso habe ich die Möglichkeit in einer Kur Phasen der Erholung zu erleben und auch mal objektiv mit Abstand auf mein Leben zu schauen und Veränderungen voran zu bringen. Das gelingt mir, wenn ich in der Überforderung drin bin mit kleinen Auszeiten nicht. In meiner „Worst-Case-Zeit“ hatte ich keinen einzigen Ansprechpartner, keinen Hausarzt, keine Frauenärztin und keine Therapeutin. Somit verfängt man sich immer weiter und tiefer in den negativen Gedankenkreisen und fühlt sich als Opfer des Alltags.

Sie zitieren den griechischen Naturphilosophen Demokrit „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“ – Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Mut für eine Mama im Zusammenhang mit Auszeiten und Selbstfürsorge?

Mit Mut meine ich, dass ich den ersten Schritt in eine gute Richtung gehe. Dass ich mich bewusst von der Opferrolle verabschiede und aktiv werde. Mut braucht man, da um einen herum viele diesen Aktionismus dann mit Egoismus verwechseln und Wörter wie „Rabenmutter“ in den Raum werfen. Davon darf man sich als Mama nicht abbringen lassen, man muss mutig für seinen eigenen Weg einstehen.

In Ihrem Buch geht es auch um den Abschied von der Hochglanzfrau. Was bedeutet das für Sie?

Der Abschied von der Hochglanzfrau ist für mich heute gesehen großes Glück. Ich bin jetzt viel authentischer, darf Schwäche zeigen und zulassen. Halte keine Fassade mehr aufrecht und habe mich zeitgleich mit der Hochglanzfrau auch vom Perfektionismus verabschiedet.

Oft denkt man sich als Mutter doch „das krieg ich alles schon hin“ und dabei schiebt man die eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse beiseite, man funktioniert einfach.Wie wichtig ist es, dass man seine Bedürfnisse und Sehnsüchte zum Ausdruck bringt, auch dem Partner und dem Umfeld vermittelt, dass man mal nicht mehr kann bzw. eine Auszeit braucht? Sollte man mehr einfordern, egoistischer sein?

Zuerst einmal, muss ich überhaupt wieder in Kontakt mit meinen Bedürfnissen und Werten kommen. Was brauche ich? Was tut mir gut? Was sind meine persönlichen Werte? Wofür brenne ich? Wenn ich mir hierauf eine Antwort geben kann, wird es mir ganz sicher leichter fallen auch meine Bedürfnisse in meiner Familie durchzusetzen. Dazu kommt, dass man ganz klar kommunizieren sollte, dass jedes Familienmitglied ein Recht dazu hat, seine Bedürfnisse zu leben. Wo steht geschrieben, dass wir Mütter uns nicht selbst auch einmal an erste Stelle stellen dürfen. Ich denke schon ganz bald werden alle merken, wenn es den Mamis gut geht, profitieren alle in der Familie davon.

Wie kann man ihrer Meinung nach als Mutter auch im Alltag Kraft tanken?

Kraft im Alltag erlangen Mütter, wenn sie erst einmal die Mutterrolle annehmen, mehr als das, wertschätzen. Viele sehnen sich nach ihrem alten Leben, streben dem nach und können es zwangsläufig mit Kind nicht erreichen. Ja, zu sagen zu der Mutterrolle ist ein entscheidender Punkt sich gut zu fühlen. Kraft erlangen ich ebenfalls, wenn ich das Gefühl habe, mein Leben selbstbestimmt zu führen. Selbstredend nicht immer. Aber im großen Ganzen brauche ich das Gefühl, dass ich als Mutter und Frau ein selbstbestimmtes Leben führe. Und dann sind es die gängigen Punkte wie Bewegung, gesunde Ernährung, Paarzeiten, Auszeiten, Schlaf etc. Da muss jede Mutter bei sich schauen, was brauche ich, was ist meine persönliche Tankstelle um mein Akku aufzuladen.

Wie gestalten sich Ihre Auszeiten heute?

Ich liebe es mich zu bewegen. Das war schon immer so. Von daher sind meine persönlichen Auszeiten, wenn ich Joggen gehe, Tennis spielen darf, beim Beachvolleyball durch den Sand tobe oder einfach nur Zuhause auf der Matte Yoga mache. An Tagen, wo ich schlecht drauf bin, die Hormone quer schießen oder vielleicht auch die Kinder, versuche ich mehr mich zu erholen. Suche ein Café auf und lese einfach mal nur eine Zeitung, gehe in die Sauna oder schließe mich 5 Minuten im Bad ein und mache ein paar Atemübungen, um mich zu beruhigen. Fairerweise muss ich sagen, dass die Zeit für einen spielt. Bedeutet, meine Kinder sind jetzt bereits 6 und 9 Jahre alt. Das heißt ich kann sie mit guten Gewissen bei einer Babysitterin parken, zu den meisten Sportarten bereits komplikationslos mitnehmen oder eben auch ihnen erklären, dass ich jetzt mal Ruhe brauche, weil ich erschöpft bin.

Was würden Sie gerne jeder Mama mit auf den Weg geben?

Da zitiere ich gerne aus meinem Buch: „Allen Mamis dieser Welt möchte ich gerne mit auf den Weg geben, dass wir die eigentlichen Heldinnen des Alltags sind. Wir können auf das was wir täglich leisten, jede Sekunde unseres Lebens stolz sein. Gebt auf euch acht, sorgt gut für euch, seid im Hier und Jetzt mit euren Kindern und denkt immer daran: Wo eine Mama ist, da ist auch ein Weg.“

Balsam auf meiner Seele, das stärkt und macht Mut…danke Tanja Bräutigam!

Wenn Rabenmütter so sind, dann bin ich gerne auch eine.

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