Mutter sein - Frau bleiben

February 6, 2017

 

Innerhalb des ersten Jahres mit meinem Sohn, war ich zu 100% nur auf Mama gepolt. Ich wollte um jeden Preis alles richtig machen, den ganzen Tag (wie auch die ganze Nacht) hat sich alles immer ausschließlich nur um ihn gedreht. Mit der Zeit kamen doch immer größere Sehnsüchte und Bedürfnisse nach meinem alten Ich-Dasein zum Vorschein. Zuerst wollte ich diese Gefühle nicht annehmen und hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen dem Kleinen gegenüber. Nach einer langen, anstrengenden Grippe- und Zahnphase meines Sohnes, war ich total fertig, am Ende mit meinen Nerven und war mir sicher – ich muss hin und wieder dringend wieder Platz für mich selbst schaffen, sonst würde ich wohl irgendwann schreiend davonlaufen müssen ☺. Wo war diese wilde, unbeschwerte Frau geblieben die nichts aus der Ruhe bringen konnte, die immer das tat wonach ihr gerade war?! Ich wollte diesen Teil von mir unbedingt wiederentdecken, für mich und auch für meinen Sohn, dem ich ja eigentlich auch gerne was von meinem leichten, fröhlichen Wesen mitgeben und nicht nur die Kontrollfreak-Allesimmerimgriff-Mom vorleben möchte.

 

So war mein erster Vorsatz: Schluss mit Perfektion! Und mein zweiter Vorsatz: Hin und wieder einfach wieder jung und wild sein dürfen!

Wenn ich Zeit für mich habe, dann mache ich Dinge, die ich früher auch gerne gemacht habe, einfach alles was Spaß macht…mal wieder bis spät in die Nacht hinein tanzen gehen, Filme anschauen und dabei übermäßig viel Eis und Chips essen inklusive Maske im Gesicht, Freunde in einer anderen Stadt besuchen, zur Lieblingsmusik in der Wohnung wild herum hüpfen, oder einfach in Ruhe einen Wellnesstag einlegen. Und auch der Sohnemann ist dann happy, wenn er wieder eine fröhliche, entspannte Mama hat!

 

 

Ich bin in diesem Zusammenhang auf eine wunderbare Frau mit tollen Themen bezüglich Mutter sein und Frau bleiben gestoßen - Sandra Teml-Jetter, Oberösterreicherin, lebt in Wien, ist Paarcoach, Familienberaterin und Mamacoach. Sie möchte Mamas dazu verhelfen Klärung bei Erziehungs- und Beziehungsfragen zu bringen, sowie Mütter dabei ermutigen, ihr Frau-Sein sowie ihre Selbstverantwortung und ihre Entwicklung ernst zu nehmen. Ich durfte ihren fachlichen Rat zum Thema einholen und ihr ein paar Fragen stellen die mir am Herzen lagen:

 

Was kann ich Deiner Meinung nach tun um die Beziehung zu mir als Frau zu pflegen?

Mutter zu werden ist wohl die größte Transformation im Leben einer Frau. Von einem Moment auf den anderen kommt zu deiner Rolle als Partnerin, Tochter, Berufstätige etc. die Rolle der Mutter dazu. Und keine andere Rolle in unserem Leben ist wohl so emotional besetzt und unwiderruflich lebenslang. In keiner anderen Rolle sind wir so berührbar, verletzlich, über und unterfordert und manchmal auch verunsichert.

 

Als Mutter gewinnen wir also etwas dazu: eine Rolle, ein Kind, ein neues Gegenüber. Unser Ich wird mehr. Gleichzeitig rückt auch Vieles in den Hintergrund und kommt oft zu kurz: Selbstbestimmung, Zeit für mich, mit FreundInnen, im Job, Sexualität und Zeit mit dem Partner. Es gilt, das, was definitiv weniger geworden ist, auch zu betrauern, sich damit einverstanden zu erklären und ja: den Preis für die Entscheidung ein Kind zu haben, eine Familie zu sein, zu bezahlen.

 

Muttersein heißt immer wieder über sich selbst enttäuscht zu sein und sich der Realität zu stellen. Ich war am allermeisten von mir selbst enttäuscht, dass ich nicht all das als Mutter leisten konnte, was ich mir so schön vorgestellt hatte. Es war für mich ein Moment der Niederlage zu erkennen, dass mich Autospiele (kleine Matchbox-Autos sprechen miteinander und fahren Rennen gegeneinander) mit meinem Sohn zu Tode langweilten. Es dauerte noch ein weiteres Kind länger, bis ich mir selbst erlauben konnte, nur mehr das mit meinen Kindern zu machen, was mir selbst wirklich Spaß machte und nicht das, was ich (oder andere) von mir als Mutter erwarteten.

 

In den ersten Lebensmonaten des Kindes tritt das Frausein ganz automatisch in den Hintergrund. Die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung des Säuglings steht jetzt im Vordergrund; und auch die Paarbeziehung muss mit weniger Zeit und Achtsamkeit auskommen. Jedoch erinnere ich frischgebackene Mütter an zwei wesentliche Tatsachen: Ich zeige ihnen die Sauerstoffmasken aus dem Flugzeug mit der Frage, wer diese im Fall der Fälle zuerst aufgesetzt bekommt: Die Mutter oder das Kind? Lassen wir unseren Instinkt sprechen, versorgen wir zuallererst unser Kind - sind allerdings in diesem Fall schlecht beraten. Denn nur, wenn Frau selbst genug Sauerstoff und Energie hat, kann sie ihr Kind gut versorgen. Selbstfürsorge first!

Zweitens lade ich ein, die Paarbeziehung als Kraftquelle für die Familie sehen, da diese sozusagen das erste Kind ist und auf keinen Fall eine Aschenputtel-Dasein fristen darf.

 

Wie schafft man die Balance zwischen guter Mutter und glücklicher Frau?

Als mein Erstgeborener noch sehr klein war, besuchte ich gemeinsam mit Freundinnen eine Jahresgruppe mit dem Titel „Mutterglück“, in der alles, was uns freute, plagte und ängstige Raum hatte. Alle unsere Sorgen, Freuden und neuen Erfahrungen. In dieser Gruppe richtete die Therapeutin eines Tages die Frage an mich: „Sandra, wie ist das bei dir? Hängst du dein Frausein an den Haken sobald du nach Hause kommst?“ Diese Frage sollte mich verfolgen, denn ich sah sie als Aufforderung, gerade das nicht zu tun.

Im Laufe der Jahre - zwei weitere Kinder später und zwanzig Jahre Coachingerfahrung mit Müttern schlauer bin ich zum Schluss gekommen: Ganz vielen Frauen fällt es schwer, in den eigenen vier Wänden den mütterlichen Fürsorgemodus auszuschalten. Überall erinnert alles an Kinder und Hausarbeit. Das ist alles andere als sexy und anturnend. Mich hat der Imperativ immer gestresst, neben all den Aufgaben zu Hause auch noch die Aufgabe zu haben, mich als Frau erleben zu „müssen“. Es scheint auch, dass es den Männern leichter fällt, diesen Schalter Mann/Vater umzustellen. Meiner Erfahrung nach brauchen Frauen eine Anlaufzeit für den Rollenswitch. Auch ein Vorspiel, sozusagen.

Vielleicht hat das evolutionär mit der Aufteilung Frau/Höhle - Mann/Jagd zu tun. Wer weiß?

 

Es darf auf keinen Fall so enden, dass eine dieser beiden Rollen in den Hintergrund gestellt wird und es uns Müttern so geht, wie jener Frau über die der Hirnforscher Gerald Hüther erzählt. Diese moderne Mutter arbeitet dreißig Stunden, erledigt nach der Arbeit noch den Einkauf für das Abendessen und ist am Heimweg ganz mit ihrer To-Do-Liste beschäftigt, was zu Hause noch auf sie wartet: Den Kindern bei der Hausübung helfen, aufräumen und die Wäsche abräumen und dann das Abendessen zubereiten. So in ihre Gedanken versunken erschrickt sie, als aus dem Gebüsch am Wegesrand ein Mann hervorspringt, seinen Mantel aufreißt - und darunter nackt ist. Nach einem kurzen Blick greift sich die Frau an die Stirn und sagt zu sich selbst:“Verdammt! Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe! Die Bratwürste!“

 

Wie so oft im Leben geht es auch hier um ein Sowohl - als auch. Und dazu braucht es Disziplin, Entscheidungen und eine bewusste, aktive Lebensgestaltung. So wie eine Paar Beziehung laut einer US-Studie automatisch schlechter wird wenn Kinder kommen, verlieren wir in unserer Familie als Frau an Glanz wenn wir uns nicht bewusst dafür Zeit nehmen - und aus dem Alltag aussteigen!

Also lieben Damen! Engagieren Sie einen Babysitter! Stellen Sie sich an erste Stelle! Brezeln Sie sich auf, haben Sie ein Date oder besser noch eine Affäre mit ihrem eigenen Mann! Seien Sie ein Vorbild und zeigen Sie Ihren Kindern, wie Leben geht!

 

Ist es ok wenn ich an manchen Tagen auch mal genervt bin vom Mama sein?

Absolut! Vorallem in der Zeit, wenn die Kinder ganz klein sind und uns im wahrsten Sinn des Wortes aussaugen, 24/7 nur an uns hängen - da kommt schon die legitime Sehnsucht nach einer Pause! Sich die Erlaubnis zu geben, das zu denken oder auszusprechen entlastet schon sehr oft!

 

Wie erwecke ich die Frau die ich einst war wieder zum Leben?

Get a life! Integriere spätestens nach dem Abstillen das, was dir früher auch wichtig war, in dein Leben! Werde kreativ im Gestalten deines Alltags! Eine Mutter hat kürzlich im Coaching die Idee einer privaten Krabbelgruppe geboren und auch schon umgesetzt, damit ihr mit ihren beiden Kindern die Decke nicht auf den Kopf fällt!

Such das ehrliche, offene Gespräch mit anderen Müttern! Du bist nicht alleine mit deinen Gedanken und Gefühlen!

Lass dich unterstützen, nimm Hilfe an - damit du immer wieder zu dir kommst!

 

Was kann ich tun, damit aus gelegentlicher Überforderung keine seelische Notlage wird?

Alles geht sich nicht aus! Manchmal ist es notwendig, sein eigenes Handeln zu überdenken und zu hinterfragen. Kann ich einen Säugling und einen Fünfjährigen „gerecht werden“, wenn ich 40 Stunden arbeite und mein Mann nicht präsent ist? Da ist für mich Schluss mit Durchhalteparolen - das geht sich einfach nicht aus!

Ich zeige Müttern gerne die Sauerstoffmaske aus dem Flugzeug als Metapher für bewusste Lebensgestaltung: Ich muss zuerst gut für mich sorgen, damit ich fürsorglich sein kann!

Verabschiede dich von deinem Idealbild als Mutter, von deinen eigenen Erwartungen an dich. Finde im Sinne der Sauerstoffmaske heraus, was dir wirklich Freude mit deinem Kind macht. Viele Mütter spielen nicht gerne Brettspiele  - massieren aber mit Begeisterung oder lassen sich schminken! und lass dich unterstützen, damit du immer wieder zu dir kommst!

 

Und wenn gar nichts mehr geht. Hast du einen Rat?

Oft hilft schon ein einmaliger Coachingtermin um eine neue Perspektive, Ermutigung, Verständnis und Zuspruch zu bekommen wenn Mutter den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht!

"Frauen und Mütter brauchen all die Unterstützung von außen, die sie nur bekommen können, um ein erfülltes Leben für sich selbst zu schaffen und dadurch so gute Partnerinnen und Mütter zu sein, wie es ihnen möglich ist." Jesper Juul

 

Sandra gibt auch tolle Workshops zu diesem und ähnlichen Themen. Hier findest du mehr:

 

www.wertschaetzungszone.at

 

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